Vorherige Übergabe der fragen an die interviewende Person kann auch ok sein

Warum ich meinen Podcast-Gästen die Interviewfragen vorher gebe

Vor jeder Aufnahme baue ich mindestens eine harte Zahl in meinen Fragenkatalog ein. Eine Studie, eine Statistik, irgendetwas Konkretes, an dem sich auch weniger erfahrene Hörer:innen festhalten können. Abstrakte Fragen produzieren abstrakte Antworten, harte Zahlen zwingen zu einer klaren Position.

Nur hab ich dabei ein Problem: Ich bin Generalist, der Gast ist Spezialist. Wenn ich mir eine Zahl aus einer Studie zusammensuche und in eine Frage packe, ist meine Interpretation dieser Zahl oft die eines interessierten Laien, nicht die eines Fachmenschen. Und genau da kippt die Sache, wenn ich diese Frage im Interview zum ersten Mal stelle und der Gast die Studie noch nie gesehen hat. Er nickt höflich, sagt was Allgemeines, und eine gute Gelegenheit ist vertan.

Deshalb bekommt der Gast diese Zahl, meine Frage dazu und meine Interpretation vorher. Und ziemlich regelmäßig kommt dann die Rückmeldung: Die Interpretation stimmt so nicht. Wir korrigieren das gemeinsam, bevor das Mikro angeht, und im Interview selbst kommt dann seine fachlich korrekte Einordnung.

Genau darum geht’s in diesem Artikel: wie ich meine Podcast-Interviews vorbereite, warum ich Interviewfragen vorab teile, und warum diese Praxis der klassischen Journalisten-Regel widerspricht, aber trotzdem funktioniert.

Die Regel, die alle predigen

Journalistische Ausbildung lehrt fast überall dasselbe Prinzip: Interviewfragen niemals im Voraus rausgeben. Die Begründung ist immer ähnlich. Wer die Fragen kennt, bereitet sich Antworten vor, die einstudiert klingen statt echt. Und ein Gesprächspartner, der weiß, was kommt, kann sich unangenehme Themen zurechtlegen, bevor sie überhaupt gestellt werden.

In der Podcast-Welt gibt’s eine mildere Version dieser Regel. Viele Coaches empfehlen, Gästen zumindest die groben Themenbereiche mitzuteilen, aber keine exakten Fragen. Die Sorge ist dieselbe: zu viel Konkretes macht aus einem Gespräch eine Vorlesung. Interessant ist die Ausnahme, die dabei fast immer mitgeliefert wird. Bei großen, komplexen Fragen, den echten Denkfragen, macht man ohnehin eine Ausnahme, weil darauf sowieso niemand aus dem Stegreif eine gute Antwort hat.

Warum B2B anders tickt

Bei uns ist genau diese Ausnahme der Normalfall. Fast jede Frage, die wir unseren Gästen stellen, ist eine dieser komplexen Denkfragen. Unsere Gäste sind selten Politiker:innen auf Stimmenfang, die man aus der Reserve locken will. Sie sprechen über Lieferkettenmanagement, HR-Software, Verhandlungsstrategien oder darüber, wie man ein Team durch eine Insolvenz führt.

Journalist:innen im politischen Bereich treiben ihr Gegenüber gern in einen Widerspruch, das gehört zu ihrem Job. Unser Job ist ein anderer. Wir wollen, dass unser Gast am Ende besser dasteht, als er reingekommen ist. Es ist seine Bühne. Unsere Aufgabe als Host ist, dass er diese Bühne auch nutzen kann, statt irgendwo zwischen Frage zwei und drei zu stolpern, weil er nicht wusste, worauf das Gespräch hinausläuft.

Komplexe Themen brauchen Vorbereitung

Die Themen, über die unsere Gäste sprechen, sind selten in einem Satz erledigt. Gerade bei Deep Dives geht’s um Zusammenhänge und Abwägungen, oft um Dinge ohne klares Richtig oder Falsch, weil die Welt da draußen eben auch nicht simpel ist. Wer bei solchen Themen unvorbereitet ins Mikro spricht, liefert entweder eine Plattitüde oder gar nichts. Beides ist schlecht, für den Podcast als Produkt, für den Gast und für die Hörer:innen.

Der Hörer-Nutzen: Warum sich die Vorbereitung auszahlt

Und damit sind wir beim eigentlichen Grund für das Ganze: den Hörer:innen. Sie schalten Businesspodcasts ein, weil sie etwas lernen wollen. Eine neue Perspektive, eine Zahl, eine Erfahrung, die sie vorher nicht hatten.

Das kriegt man nur von einem Gast, der auch in der Vorbereitung tief genug ins Thema eintauchen konnte. Ein vorbereiteter Gast liefert genau das, wofür die Hörerin überhaupt eingeschaltet hat. Ein überrumpelter Gast bleibt an der Oberfläche, so sympathisch er auch sein mag. Und die Oberfläche kennt man schon, dafür muss niemand einen Podcast einschalten.

Fazit: Warum ich die Regel gerne breche

Am Anfang stand die eine Zahl, die ich in eine Frage packe, und die Gefahr, dass ich sie falsch einordne, wenn der Gast sie vorher nicht kennt. Genau darum geht’s im Kleinen bei diesem ganzen Prinzip. Interviewfragen vorbereiten ist bei uns die Voraussetzung dafür, dass am Ende etwas Neues auf dem Tisch liegt, für den Gast, für mich und vor allem für die, die zuhören.

Kostet mich das mehr Arbeit vorher? Natürlich. Verletze ich damit eine journalistische Grundregel? Ja. Aber wenn diese Regel der Grund dafür ist, dass unsere Hörer:innen am Ende nichts Neues erfahren, dann breche ich sie gerne. Woche für Woche.


Mehr zum Thema Podcasts, inklusive weiterer Praxisbeispiele und persönlichen Einordnung, gibt es in unserer Podcaster Toolbox jede zweite Woche direkt in dein Postfach.


Du möchtest einen eigenen Podcast? Dann kannst du dir hier ein kostenloses Erstgespräch mit mir buchen. No strings attached. nur eine klare Einschätzung ob es sich für dich lohnt.